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Das Wunder von Sukkot – Flug FZ1073


Es ist Sukkot. Juden sitzen in Laubhütten unter einem Dach, das mit Absicht kein richtiges ist, und erinnern sich daran, dass ihr Schutz noch nie aus Mauern kam. Am Mittwochmorgen haben 174 Menschen an Bord von Flydubai-Flug FZ1073 von Dubai nach Tel Aviv, darunter 27 Kinder, fast alle Israelis, diese Lektion in einer Weise gelernt, die sie ihr Leben lang nicht vergessen werden.

Auf Reiseflughöhe fiel nach Angaben Benjamin Netanjahus der Copilot, ein Omaner, mit einem Messer über Kapitän Smit Machchhar her und versuchte offenbar, die Maschine samt allen Insassen in den Boden zu rammen. In weniger als einer halben Minute stürzte die Boeing weit über 4.000 Meter in die Tiefe, am Ende waren es fast 5.000. Erst der Notfallcode, dann der Code für Entführung. Israel ließ Kampfjets aufsteigen. An Bord herrschte Todesangst. In der Kabine Schreie, Blut, Kinder, die nicht sterben wollten – und Menschen, die das Schma Jisrael sprachen, weil ihnen nichts anderes mehr blieb. Eine israelische Passagierin berichtete später, sie habe während des Sturzes das Schma Jisrael gesprochen – „Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig“. Es ist das Bekenntnis, das Juden seit Jahrtausenden sprechen, wenn der Tod vor ihnen steht. Mit diesen Worten auf den Lippen starb Rabbi Akiva unter der Folter der Römer, mit ihnen gingen Juden von den Kreuzzügen bis in die Vernichtungslager in den Tod. Wer es in einem stürzenden Flugzeug spricht, rechnet nicht mehr mit dem Leben.

Jüdische Passagiere auf dem Weg nach Tel Aviv, eingeschlossen in einem außer Kontrolle geratenen Flugzeug, während im Cockpit offenbar ein Mann versucht, die Maschine in den Tod zu steuern. Die Symbolik könnte kaum bedrückender sein.

Es hätte ein zweiter 11. September werden können.

Was dann geschah, war keine Kette glücklicher Umstände. Es war eine Kette von Wundern.

Ein Wunder, dass der Kapitän, das Messer schon im Leib, mit letzter Kraft die Cockpittür öffnete.

Ein Wunder, dass Passagiere in einer Maschine, die gerade vom Himmel fiel, nicht erstarrten, sondern nach vorn stürmten, die Lage erfassten, den Angreifer überwältigten und mit Ladekabeln fesselten.

Ein Wunder, dass zwei Flydubai-Piloten außer Dienst an Bord saßen, vom Sturz unverletzt, und die Boeing abfingen, als die Erde schon auf sie zukam.

Ein Wunder, dass sie sicher aufsetzte – ausgerechnet in Tabuk, Saudi-Arabien. Am Abend flogen die Passagiere weiter nach Israel. Als sie am Ben-Gurion-Flughafen ausstiegen, endete ein Tag, den sie beinahe nicht überlebt hätten – und nach dem Willen des Mannes im Cockpit nicht hätten überleben sollen.

Es waren keine Soldaten, keine Anti-Terror-Spezialisten, keine bewaffneten Sicherheitskräfte. Es waren Israelis auf dem Heimweg. Wer sich auszumalen versucht, was ein Sturz von fast 5.000 Metern mit einem Menschen macht – mit seinem Magen, seinem Verstand, seinem Mut –, der weiß, dass Schock und Panik die übliche Antwort wären. Diese Menschen standen auf. Sie hatten verstanden, dass zwischen ihnen, ihren Kindern und dem Tod in diesem Augenblick kein anderer mehr stand als sie selbst.

In einer Zeit, in der das Wort „Held“ für Schauspieler, Fußballer, Influencer und Aktivisten verschlissen wird, die sich auf Autobahnen festkleben, erhält es hier seine eigentliche Bedeutung zurück.

174 Menschen, darunter 27 Kinder. Man muss sich diese Zahl vor Augen führen. 174 Leben. Kinder, Eltern, Familien. Menschen, die wenige Stunden zuvor noch in Dubai in ein Flugzeug gestiegen waren und nichts anderes wollten, als sicher in Tel Aviv anzukommen. Und die plötzlich um ihr Leben kämpfen mussten.

Selbst wer mit dem Glauben wenig anfangen kann, kommt am Wort „Wunder“ kaum vorbei. 174 Menschen sind an diesem Tag ein zweites Mal geboren worden. Sie alle haben Gomel zu benschen, und das Hallel dieses Sukkot werden sie sprechen wie nie zuvor.

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Nun zum weniger Wundersamen.

Jetzt beginnen die Fragen, und sie müssen hochnotpeinlich beantwortet werden. Wie gelangt ein Mann, den ein Kollege als religiösen Eiferer beschreibt, der Frauen nicht die Hand gibt, ins Cockpit einer Maschine voller Israelis? Besonders brisant ist seine Herkunft: Der Copilot stammt aus dem Oman, einem Staat, der mit Israel nicht einmal diplomatische Beziehungen unterhält. Für Flüge nach Israel gelten besondere Sicherheitsvorgaben. Wer hat ihn geprüft? Wer hat ihn eingeteilt? Wer hat weggesehen – und wer hat dafür gesorgt, dass weggesehen wurde? Bei El Al wäre so ein Mann vermutlich nicht einmal bis zum Check-in gekommen. Eine Panne ist ein verlorener Koffer. Ein fanatischer Islami mit Messer im Cockpit einer Maschine voller Juden ist offensichtlich keine Panne, sondern ein Plan. Wer an solche Zufälle glaubt, glaubt vermutlich auch, dass Messer von selbst den Weg ins Cockpit finden. Der fromme Herr ist dort nicht durchgerutscht, er ist dort mit großer Wahrscheinlichkeit hingesetzt worden. Die Ermittler in Saudi-Arabien, den Emiraten und Israel werden zeigen müssen, wie viel guten Willen die Abraham-Abkommen gegenüber solchen Leuten noch vertragen.

Flug FZ1073 ist sicher kein Betriebsunfall, sondern das jüngste Kapitel einer langen, blutigen Geschichte, geschrieben mit Sprengstoff, Sturmgewehren und Messern – vom Massaker am Flughafen Lod 1972 über die Blutbäder an den El-Al-Schaltern in Rom und Wien 1985 bis zum 11. September 2001. Wer da noch an Zufall glaubt, hat nichts gelernt oder will nichts lernen. Seit Jahrzehnten gehören israelische Flugzeuge, Flughäfen und jüdische Reisende zu den bevorzugten Zielen islamischer Terroristen. Unweigerlich steht Entebbe vor Augen. Am 4. Juli jährte sich zum fünfzigsten Mal die Nacht, in der israelische Soldaten in Uganda über hundert Geiseln aus einer entführten Air-France-Maschine befreiten. Bei der Aussonderung der jüdischen Passagiere hatten damals zwei deutsche Linksterroristen tatkräftig mitgewirkt. Der Kommandeur der Befreier, Yoni Netanjahu, fiel. Sein jüngerer Bruder ist heute Israels Ministerpräsident. Und fünfundzwanzig Jahre nach dem 11. September sitzt der Feind wieder dort, wo er schon damals saß: im Cockpit.

Damals waren es deutsche Terroristen, die Juden von den übrigen Passagieren trennten. Heute übernehmen deutsche Sender die Sortierung – in Nachrichten, die zählen, und Juden, die warten können. Die Methoden sind feiner geworden. Die Haltung offensichtlich nicht.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen, sonst kaum zu bremsen in seiner Betroffenheit, sobald Israel sich verteidigt, tat, was es in solchen Fällen am besten kann. Es zuckte mit den Schultern. Die Tagesthemen brachten den Fall als viertes Thema – nach der Pflegereform, die seit Tagen in Dauerschleife läuft, nach Tankrabatt und Deutschlandticket, nach dem Kommentar. Ein Flugzeug voller Juden, um Haaresbreite in den Tod gestürzt, rangiert in der ARD irgendwo zwischen Pflegestufe und Monatskarte. Für ein Sturmtief über Norddeutschland gibt es einen Brennpunkt. Für 174 Juden im Sturzflug gab es Platz vier.

Das ZDF titelte: „Israel spricht von Terror“. Israel spricht. Das ZDF hält vornehm Abstand, als handle es sich um eine Behauptung der Juden, deren Wahrheitsgehalt man erst noch prüfen müsse. Wenn ein Messer im Cockpit eines Flugzeugs voller Juden kein Terror ist – was dann? Ein Arbeitsunfall? Die Tagesthemen sprachen vom „mutmaßlichen Terrorangriff“. Mutmaßlich. Wenn in Gaza ein Gebäude einstürzt, das die Terror-Bande aus Gaza als Waffenlager benutzt hat, kennt dieselbe Zunft kaum noch ein „mutmaßlich“ – dann steht die Schuld Israels meist schon in der Anmoderation fest.

Und wo man sich doch zur Meldung durchrang, schwang augenscheinlich gleich der vertraute Reflex mit: Netanjahu und Ben-Gvir würden den Vorfall politisch ausschlachten. Nicht die Opfer werden bedauert, ihre Regierung wird verdächtigt – so, als hätte sie sich das Messer im Cockpit gewünscht, wenn nicht gar bestellt. So sieht Täter-Opfer-Umkehr im Gebührenformat aus. Das Problem ist nicht der Mann mit dem Messer, sondern der Jude, der darüber spricht.

Dass so etwas fünfzig Jahre nach Entebbe und fünfundzwanzig Jahre nach dem 11. September noch immer möglich ist, liegt nicht allein an löchrigen Kontrollen. Es liegt an der atavistischen, brutalen Rückständigkeit einer Weltbeherrschungsideologie, die sich Islam nennt und sich hinter einer schlecht kopierten Religion tarnt. Sie hat der Welt seit Jahrhunderten an Leistung kaum etwas zu bieten und stellt an diese Welt dafür umso maßlosere Ansprüche. Sie fliegt in Maschinen, die andere gebaut haben, und weiß mit ihnen offenbar nichts Besseres anzufangen, als sie in Türme oder in den Boden zu steuern. Ihre bekanntesten Exportartikel sind der Sprengstoffgürtel und das Messer im Cockpit.

Die 174 von Flug FZ1073 haben nicht dank Resolutionen, Konferenzen und wohlfeiler Erklärungen überlebt. Und schon gar nicht dank der Anteilnahme deutscher Nachrichtenredaktionen. Es waren Menschen an Bord, die sich gewehrt haben. Sie leben dank eines Kapitäns, der nicht aufgab, dank Passagieren, die handelten, dank Piloten, die eine fallende Maschine auffingen – und, wer es so sehen will, dank Dessen, der in diesen Tagen über den Laubhütten wacht.

Die Ermittlungen werden noch manches Detail klären. Eines aber bleibt:

174 Menschen stiegen am Morgen in Dubai in ein Flugzeug nach Tel Aviv. Wenige Stunden später kämpften sie um ihr Leben. Am Abend betraten sie israelischen Boden. Lebend. Und nahezu unverletzt.

Ufros alejnu sukkat schlomecha – breite über uns die Hütte Deines Friedens. Am Mittwoch hat sie gehalten.

Am Israel Chai!

Dr. Rafael Korenzecher
Herausgeber Jüdische Rundschau